Schwere Sache

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Es ist Sommer. Im Sommer tragen viele Leute weniger Stoff am Körper, wenn es heiß ist. Fair enough. Im Sommer kommt aber auch verstärkt die hässliche Angewohnheit mancher Leute zum Vorschein, ungefragt über die zu urteilen, die keinen „normalen“ Körper haben und ihn trotzdem öffentlich zur Schau stellen!

Ein Twitter-Nutzer* kommentierte vor kurzem die Tatsache, dass ein „sehr, sehr dickes Kind“ sein drittes Eis aß, negativ. Das war eine subjektive Beobachtung und die Aussage schien ihm in dem Moment wichtig genug, um sie online zu teilen. Das Kind selbst wird diesen Tweet (hoffentlich) nie lesen; man könnte also sagen, ja und jetzt, wo liegt das Problem?

Das Problem liegt darin, dass dieser Twitter-Nutzer mit Sicherheit nicht allein ist mit seiner Meinung. Das Problem ist weiterhin, dass andere Leute mit Sicherheit nicht so weit denken werden und dem Kind ihre Beobachtung direkt ins Gesicht sagen. Viele erwachsene Leute denken nicht so weit und schon gar nicht die anderen Kinder. Und diese Kommentare bleiben hängen. Zumindest war es bei mir so. Ich höre heute noch die verbalen Seitenhiebe, die mir ein anderes Kind mal verpasst hat, und das war vor mindestens 15 Jahren.

Ja, ich weiß, natürlich kann man Kindern nur schlecht den Mund verbieten und nein, natürlich nimmt sich wahrscheinlich nicht jedes Kind blöde Sprüche so zu Herzen, wie es bei mir der Fall war. Aber die Sache ist die: Wenn es sich jemand zu Herzen nimmt, kann das sehr, sehr schwierig werden. Und in dem Fall kann es mitunter völlig egal sein, wer einen Kommentar zum Gewicht macht, ob es ein positiver oder ein negativer Kommentar ist, oder wie alt man selbst ist. Wenn man nämlich erst mal soweit ist, das eigene Gewicht als einziges Maß für gut oder schlecht, wertvoll oder nicht, liebenswert oder nicht zu sehen, hört das nicht so einfach von heute auf morgen wieder auf.

Lustigerweise (okay, lustig finde ich es eigentlich immer noch nicht) bin ich vor nicht mal einer Woche in eine ganz ähnliche Situation geraten. Auch ich habe das bei Twitter rausgelassen, mit dem Unterschied, dass ich in dem Fall das „sehr, sehr dicke Kind“ war. Zumindest im Kopf. Also, was konkret passiert ist: Ich war mit einer Runde von ArbeitskollegInnen aus, es wurde ein bisschen getrunken, ein wirklich netter, unaufgeregter Abend. Niemand hat sich blöd benommen, es gab echt gute Unterhaltungen…und dann eine, die absolut beschissen war und für mich jetzt die Haupterinnerung an diese Nacht bleiben wird.

Ein mir quasi unbekannter Arbeitskollege (unsere bisherigen Unterhaltungen bestanden wortwörtlich nur aus einem „Hallo“, wenn wir uns ca. einmal im Jahr zufällig über den Weg gelaufen sind) meint nämlich auf einmal, er könnte jetzt doch mal ganz casually einen Flirtversuch starten. Ging daneben, und zwar so:

Er: „Du machst den Job bei uns ja schon länger, oder?“

Ich: „Ja, ein paar Jahre.“

Er: „Ich weiß, aber früher bist du mir nie aufgefallen… Irgendwie warst du ein bisschen dicker und hattest immer eine Brille auf, oder? Aber in letzter Zeit, ich weiß auch nicht, du hast abgenommen. Bist jetzt viel interessanter.“

Ich: „Ooookay. Erstens, man fragt Leute nicht einfach so nach ihrem Gewicht. Zweitens, du kennst mich nicht. Ganz ehrlich, du bist grad echt nur verletztend.“

Er: „Ist ja nicht böse gemeint. Und naja, wenn du Reporterin werden willst, musst du schon mit Kritik umgehen können. Da werden dich viele Leute mal blöd anreden.“

Ich: „Ja. Aber wenn man eine Reporterin persönlich angreift, dann weil man sich von ihr irgendwie bedroht fühlt. Wir haben noch nie mehr als ein Wort miteinander geredet, du kennst mich nicht, du kennst meine Vorgeschichte nicht, und trotzdem meinst du, es ist gut, wenn du mir sagst, dass ich fett war?“

Er: „Fett hab ich nie gesagt, und ist doch nichts dabei, ich war auch mal dick!“

Ich: „Das ist doch völlig egal gerade!“

Er: „Wie gesagt, du musst schon mit Kritik umgehen können und ich sage ja nur, dass du heute besser ausschaust, ist doch ein Kompliment…“

An dem Punkt habe ich mich umgedreht und bin gegangen. Das war keine sehr erwachsene Lösung und möglicherweise habe ich überreagiert, aber es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, es wäre mir egal gewesen. Der Kerl hat mich wirklich, wirklich verletzt. Ja, es war nur ein blöder Spruch, eine katastrophal misslungene Anmache, ein unüberlegter Gesprächseinstieg. Und nein, ich will hier kein Mitleid einheimsen oder behaupten, dass es eine ach so traumatische Erfahrung war.

Ich will sagen, dass es verdammt noch mal gefährlich ist, ungefragt Kommentare über das Gewicht eines Menschen zu machen, erst recht, wenn die Person wildfremd ist. Das gilt natürlich auch für jegliche andere äußere Merkmale, aber Gewicht ist eben so eine Sache, die man selbst mehr oder weniger beeinflussen kann.

Das sage ich nicht nur so dahin. Allein in meinem näheren Umfeld fallen mir auf Anhieb drei Personen mit Essstörungen ein, bei zwei davon lässt sich der Beginn relativ genau auf einen, einen einzigen schnell dahingesagten Kommentar zurückführen. Im Netflix-Film „To the Bone“ heißt es einmal: „There’s never just one reason“ und das will ich auch gar nicht bestreiten. Aber mir braucht niemand zu erzählen, dass solche Kommentare nicht definitv einen Unterschied machen können.

Zurück zu Mr. Ich-war-auch-mal-fett. Er kannte und kennt mich nicht. Ja, ich habe mal deutlich mehr gewogen. Aber zwischen früher und heute liegen in meinem Fall Essstörungen (Typ „Was ich nicht esse, macht mich nicht dick“), Hormonschwankungen/Appetitverlust, ausgeprägte Selbstzweifel und ein Verhältnis zum Essen, das bis heute nicht hundertprozentig normal ist. Würde ich zum Beispiel vor diesem Menschen in Zukunft jemals etwas essen? Nein, definitiv nicht. Esse ich allgemein bedenkenlos vor Menschen, die ich nicht kenne? Nein, in der Regel nicht, und wenn doch, dann darf es nichts Ungesundes sein, ich drehe mich weg, halte die Hand vor den Mund. Esse ich etwas, wenn niemand sonst in der Runde isst? Nicht, wenn es sich irgendwie vermeiden lässt. Und so weiter.

Ich weiß, dass dieses Verhalten nicht normal ist und ich habe das Glück, dass ich mich wieder einigermaßen in den Griff bekommen habe. Ich weiß das, aber dieser Mensch weiß das eben nicht und liefert so eine Aussage ab. Ich bin nicht stolz darauf, aber ich habe viel zu lange über seinen Kommentar nachgedacht. Er hängt mir immer noch nach und vergessen werde ich ihn so schnell nicht. Ich war kurz an dem Punkt, an dem ich mir ernsthaft überlegt habe, ob ich denn jetzt vielleicht tatsächlich besser bin als früher.

Nochmal, es geht mir nicht um die Tränendrüse, weil mein Fall nicht wirklich der Rede wert ist. Aber Leute, ganz im Ernst: kommentiert! nicht! ungefragt! jemandes! Gewicht! Gespräche oder auch nur Bemerkungen über Gewicht sind dann angebracht, wenn die betreffende Person es selbst zum Thema macht und explizit darüber sprechen will. Es ist dann angebracht, wenn es in medizinischem Kontext steht und damit meine ich nicht das naserümpfende Na na, ein bisschen abnehmen wäre aber für dich schon gesünder!

Das mit den Kommentaren gilt auch dann, wenn es eigentlich vielleicht nur nett gemeint ist. Wenn ich jemandem ohne jeden Kontext sage, Wow, du hast aber ganz schön abgenommen!, muss mir klar sein, dass diese Person das vielleicht als Ansporn sieht, weiterzumachen. Ich habe abgenommen und das wird positiv bewertet – ich bin auf dem richtigen Weg!

Und es gilt auch dann, wenn eine Person nach außen völlig normal wirkt. (Das Wort normal ist mir übrigens mittlerweile schon ziemlich zuwider.) Essgestörte Personen sind nicht immer extrem übergewichtig beziehungsweise so dünn, dass alle Knochen sichtbar sind. Eine Person mit „normalen“ Proportionen kann genauso Schwierigkeiten haben, Nahrung als etwas völlig Natürliches zu sehen, das der Körper nun mal braucht.

One more thing: Essstörungen haben auch nichts mit dem Geschlecht einer Person zu tun. Das sollte eigentlich völlig logisch sein, und doch werden in Filmen und Serien oft Frauen als magersüchtig dargestellt (auch in „To the Bone“ gibt es gerade mal einen männlichen Charakter mit einer Essstörung), während Männern z.B. in Sitcoms oft der Part des gutmütigen, humorvollen Dicken zugeteilt wird.

Leute, nein. Dünn ist nicht gleich weiblich, dick ist nicht gleich männlich. „Normal“ ist nicht gleich ausgeglichenes Selbstbild. Und unüberlegte Kommentare sind nicht gleich hilfreich, sondern gefährlich. Was dem Sender als Kompliment erscheinen mag, lässt beim Empfänger vielleicht die Alarmglocken schrillen. Auch das sollte eigentlich selbstverständlich sein, ist es aber anscheinend nicht immer.

Zum Abschluss eine letzte Anmerkung: Ich bin keine Ernährungsexpertin, keine Medizinerin, keine „vom Fach“. Ich habe nur meine eigenen Erfahrungen und beobachte die von Leuten in meinem näheren Umfeld, und ich beschreibe das, was ich mir dabei denke. Das gebe ich ehrlich zu. Das alles hier ist relativ persönlich und ich habe lang überlegt, ob ich den Text öffentlich machen will. Trotz allem ist es aber ein Thema, das mir am Herzen liegt und das ich wichtig genug finde, um über meinen eigenen Schatten zu springen – nicht zuletzt, weil mich dieser Text sehr inspiriert hat.

Ich weiß schon, haters gonna hate, denk dir nix, war nicht so gemeint, nimm’s dir nicht so zu Herzen. Aber manche Leute können mit Hate und dem Bodyshaming eben weniger gut umgehen als andere, und das dürfen wir dann nicht auf sie schieben. Wir sind schuld, wenn wir Selbstzweifel provozieren. Just saying.

 

 

*Wie schon in einem anderen Post nenne ich auch hier bewusst keine Namen. Nicht, weil ich feige bin, sondern weil ich niemanden ausrichten will. Es geht um die Sache, nicht um den Shitstorm, zumal die Tweet-Aussage im nachfolgenden Thread noch diskutiert wurde.

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4 Kommentare Gib deinen ab

  1. liawriting sagt:

    merci für den text! „kommentiert! nicht! ungefragt! jemandes! Gewicht!“ sollte es auf spruchkarten zu verschenken geben, weil solche kommentare einfach eine grenzüberschreitung sind.

    zwei kurze stories von mir dazu:
    mit 12 hat der schularzt zu mir gesagt: „du solltest jetzt auch schon mal langsam auf dein gewicht aufpassen.“ (ich war vorher schon unsicher, dann war ich davon überzeugt, dass ich fett bin. mal ganz abgesehen davon, dass ich weit davon entfernt war und es keinen grund gab, das zu sagen, sind solche nebenbei-kommentare – wie du eben auch geschrieben hast – alles andere als sinnvoll)
    vor ein paar jahren habe ich, weil es mir nicht gut ging, um die 10 kilo abgenommen. kommentare reichten von „wow, du siehst jetzt super aus“ bis „bin voll neidisch auf deine figur, welche diät machst du?“. es war jedenfalls irritierend und verletzend, für etwas gelobt zu werden, was ich so nicht wollte.

    anyhow: finde deinen text kul, weil er die strukturen/voruteile sichtbar macht, die sonst einfach nicht fassbar sind. & das sollten sie aber sein, damit wir etwas daran ändern können.

    Gefällt 1 Person

    1. s.nie sagt:

      Vielen Dank für dein Feedback und ja, ganz genau solche Fälle meine ich! Dieses völlig selbstverständliche Äußern einer Meinung, die so heftige Auswirkungen haben kann – und dann schiebt man es aber schnell und einfach auf „die Gesellschaft“, den „Magerwahn auf Instagram“ oder „den Schrei nach Aufmerksamkeit“ …
      Freut mich jedenfalls sehr, wenn du dich wiederfinden konntest und dich verstanden fühlst!

      Gefällt 1 Person

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